Psychologie: Schuld und Sühne?

In der Geschichte der Psychologie hatte jede Zeit ihr Tabuthema. In vergangenen Jahrhunderten gehörte laut Sigmund Freud die Sexualität dazu. Fragt man den Neurowissenschaftler, Psychotherapeuten und Autor Professor Dr. Ralph Bonelli ist das Tabuthema der Gegenwart die eigene Schuld. In seinem neuen Buch „Selber schuld – Ein Wegweiser aus der seelischen Sackgasse“ verrät er, wie man die eigene Verantwortung und Schuld richtig einschätzen kann. Das Ziel besteht darin, seinen Entscheidungsspielraum zu erhöhen, um Probleme besser lösen zu können. Die ellviva.de-Redaktion hat das Buch unter die Lupe genommen und ist begeistert:
Von Tino Grasser

Zu diesem Zweck bemüht der Verfasser literarische Figuren wie Dr. Heinrich Faust (Johann Wolfgang von Goethe: Faust I und II), Ebenezer Scrooge (Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte) oder Rodion Raskolnikow (Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne) sowie reale anonymisierte Fälle aus seiner Praxis.

Die eigene Schuld anerkennen als Therapievorschlag

Psychologie: Diesseits von Schuld und Sühne
In allen dargelegten Fällen wird deutlich, dass die Betroffenen erst dann ihre Probleme lösen konnten, nachdem sie erkannt hatten, inwieweit sie selbst für ihre Situation verantwortlich sind. Umgekehrt warnt der Neurowissenschaftler jedoch davor, sich selbst und seine Möglichkeiten auf die Entscheidungen anderer Einfluss zu nehmen zu überschätzen. „Es geht in diesem Buch nicht darum, sich selber fertigzumachen und sich selber womöglich noch krankhafte Schuldgefühle aufzubauen, sondern darum, den persönlichen Handlungsspielraum zu erhöhen.“ Der Therapievorschlag des Autors besteht also darin, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, um zu erkennen, inwieweit man für seine eigene Situation selbst die Schuld trägt. Wer zu dem ironischen Eingeständnis, „selber schuld“ bereit sei, habe es darüber hinaus leichter anderen zu verzeihen.

Diesseits von Schuld und Sühne

Rafel M. Bonelli: Selber Schuld, München 2013
Trotz seines hohen intellektuellen Anspruchs, spricht das Werk nicht nur den Fachmann an. Das liegt vor allem an der ironischen und etwas sarkastischen Herangehensweise, die für Psychoanalytiker nichts Außergewöhnliches ist. Richtig Freude macht es zu lesen, wie der Verfasser historische oder literarische Figuren auf die Couch legt, um sie zu analysieren. Dabei bringt er es stets fertig, ein ernstes Thema wie die Schuld mit einem Augenzwinkern zu betrachten, obwohl einige der von ihm geschilderten Fälle aus seiner eigenen Praxis tragisch sind.

Der psychoanalytische Ratgeber „Selber schuld – Ein Wegweiser aus der seelischen Sackgasse“ von Professor Dr. Raphael M. Bonelli ist im Pattloch Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

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