In der Diskussion um sogenannte Insulin-Analoga schlagen die Wellen hoch: Verursachen die für viele Diabetiker lebenswichtigen Medikamente Krebs oder nicht? Die Patienten sind verunsichert. ellviva-Arzt Dr. Christan Kretschmer ist überzeugt: „Die Meldungen über das angeblich erhöhte Krebsrisiko sind reine Spekulation."
Am
Wochenende haben Nachrichten über eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift
DIABETOLOGIA viele Diabetiker aufgeschreckt: Sogenannte Insulin-Analoga wie Glargin, auch Insulinglargin genannt (Handelsname Lantus), sollen das Krebsrisiko
deutlich erhöhen. Die größte der ausgewerteten Studien stammt vom Institut für
Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen (IQWIG). In dieser Studie
mit mehr als 130.000 Patienten in Deutschland hätten die Forscher
herausgefunden, dass die Zahl der Krebserkrankungen unter den
Glargin-Patienten zwischen 4 und 13 Fällen pro 1000 Patienten höher liege als
im Durchschnitt der Patienten, die mit Humaninsulin behandelt werden. ellviva-Arzt
Dr. Christian Kretschmer weist darauf hin: „Mag sein, dass diese Zahlen so in
den Studien stehen. Tatsächlich ist damit aber doch kein Zusammenhang zwischen
der Glargin-Behandlung und den Krebsfällen nachgewiesen. Wenn also jemand den
Eindruck erweckt, Glargin verursache Krebs, verunsichert er die Patienten ohne
Grund." Und tatsächlich: IQWIG-Chef Peter Sawicki sagt, „wir sehen eine
Verbindung, wissen aber nicht, ob Glargin die Ursache für das erhöhte
Krebsrisiko ist".
„Ob die aktuellen Daten zu einer Neubewertung führen, muss sorgfältig geprüft werden", sagt Martin Reincke, Diabetologe und Chef der Inneren Medizin an der Universität München der WELT-ONLINE. "Ich rate allen Patienten ausdrücklich, ihr vertrautes Medikament weiterhin zu benutzen. Auf keinen Fall darf ein Diabetiker sein Medikament einfach absetzen!" warnt Dr. Kretschmer eindringlich, nicht unbesonnen auf die gegenwärtigen Nachrichten zu reagieren.
Sanofi-Aventis verweist in einer Presserklärung darauf, dass die Fachzeitschrift DIABETOLOGIA im Juni 2009 die Ergebnisse einer 5-Jahres Sicherheitsstudie zu Insulin Glargin publiziert habe. Das Ergebnis dieser Studie: „weniger bösartige Veränderungen von Zellgewebe als bei einer Behandlung mit Human-Insulin."
Im Gegensatz zu den jetzt in DIABETOLOGIA publizierten Registerstudien wurden diese Ergebnisse mit dem methodischen Goldstandard, einer randomisierten klinischen Studie, erhoben. Sie haben den wissenschaftlich höheren Beweiswert, da die Patientengruppen vergleichbar seien, so Sanofi.
Der Streit um die Unbedenklichkeit von Insulin-Analoga ist auch vor dem Hintergrund der Kostenkontrolle im Gesundheitswesen zu sehen. Der Insulinnmarkt ist sehr hart umkämpft. Und die Studien des IQWIG spielen durchaus eine Rolle, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss darüber entscheidet, welche Medikamente von den gesetzlichen Kassen erstatten werden dürfen und welche nicht. Dabei hat IQWIG-Leiter Sawicki stets Position bezogen: Lantus ist laut Sawicki 40 bis 50 Cent pro Patient und Tag teurer als Human-Insulin. Und damit ein Kostenfaktor, der im Interesse der Kassen zu vermeiden wäre. Sanofi als Hersteller von Lantus verweist unter anderem darauf, dass das Medikament den Patienten einen erheblichen Vorteil biete. Die Verwendung von Insulin-Analoga ist nach übereinstimmeder Experteneinschätzung deutlich besser auf den Lebensstil verschiedener Patienten einzustellen als die von Humaninsulin. Das bezieht sich unter anderem auf die Wirkdauer und den Wirkeintritt der entsprechenden Wirkstoffe.
Mit 72 Millionen Tagesdosen ist Lantus das erfolgreichste Insulin-Analogon auf dem deutschen Markt.
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